hallo zusammen
habe die diskussion hier ein bisschen aus der ferne verfolgt. bei der arbeit ist bie mir kürzliche ein text übers pult, welcher die ganze ölfrage aus dem blickwinkel “qngebot - nachfrage” beleuchtet.
er ist zwar etwas lange, dürfte aber ziemlich interessant sein. der autor: Daniele Ganser ist Dozent am Historischen Seminar der Universität Basel und forscht zum Peak Oil. Er studierte Geschichte und internationale Beziehungen in Basel, Amsterdam und an der London School of Economics and Political Science. Er ist Präsident der Association for the Study of Peak Oil (ASPO) Schweiz.
www.danieleganser.ch
Der Streit ums Erdöl wird bald heftiger
*Der kritische Zeitpunkt ist nicht das Ende des Erdölzeitalters, sondern dessen Halbzeit.
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Die Friedensforschung untersucht, welche international tätigen Firmen den Krieg fördern und welche den Frieden stärken. «Business of Peace» heisst es in der Fachsprache, wenn eine internationale Firma nicht nur profitorientiert tätig ist, sondern zusätzlich durch hervorragende Leistungen im sozialen und ökologischen Bereich indirekt den Frieden fördert. Es gibt sie, diese Firmen.
Auch das «Business of War» ist eine Realität. Und es ist in der Erdölbranche deutlich häufiger zu finden als in anderen Branchen. Der französische Erdölkonzern Total ist im südostasiatischen Staat Myanmar aktiv. Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi nennt Total daher «die beste Stütze des Militärregimes». Die China National Petroleum Corporation fördert im Sudan. Die amerikanische Exxon Mobil (Esso) steht seit 2001 in den USA unter Anklage. Sie habe das indonesische Militär in Aceh unterstützt, um ein Gasfördergebiet zu kontrollieren. Esso sagte im laufenden Prozess, man habe keine Kontrolle über die Greueltaten des Militärs. Dasselbe sagt Shell in Nigeria.
Warum verlassen weltbekannte Erdölfirmen nicht einfach die Länder der Gewalt? Warum riskieren sie ihren Markennamen?
Das Problem: Erdöl ist auf der Erde nur endlich vorhanden, und die Nachfrage nach Öl explodiert, seit China und Indien sich industrialisieren. Bald ist die maximale globale Fördermenge erreicht, sagen Erdöl-Geologen. «Peak Oil» nennen sie diesen Punkt. Diesen Ausdruck kennt heute noch fast niemand. Aber wir werden ihn alle bald häufiger hören.
Was ist dieser Peak? Das englische Wort bedeutet «Spitze». Gemeint ist die Spitze einer Glockenkurve. Jedes Erdölfeld zeigt – oft zum Erstaunen des Laien – bei der Förderung eine solche Glockenkurve: Man beginnt bei null Fass pro Tag, erreicht nach einigen Jahren einen Spitzenwert, bei grossen Feldern gemessen in Millionen Fass pro Tag («million barrels per day», kurz: mbd), und sinkt dann wieder auf null ab. Dann ist das Feld leer oder zumindest in einem Zustand, in dem man nicht mehr rentabel fördern kann. Der Peak Oil ist also nicht das Ende des Erdölzeitalters, sondern die Halbzeit. Der Moment, in dem das absolute Maximum an Erdöl gefördert wird. Danach geht es für immer abwärts, das Angebot kann die Nachfrage nicht mehr befriedigen. Um den Rest wird immer heftiger gestritten werden.
Zählt man alle Felder eines Landes zusammen, kann man den nationalen Peak für ein Erdölförderland berechnen. Die USA haben diesen Peak 1970 erreicht, bei 9 mbd, seither ist die Fördermenge auf unter 6 mbd gefallen. War das ein Problem? Nein. Obwohl die USA heute rund 20 mbd brauchen, konnten sie das fehlende Öl importieren. Der nationale Peak blieb für den Konsumenten unsichtbar.
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Es geht abwärts**
Das Problem verschärft sich seither. Venezuela und Libyen hatten wie die USA ihren Peak 1970, Rumänien 1976, Indonesien 1977, Tunesien 1981, und selbst Grossbritannien, das in den siebziger Jahren zusammen mit Norwegen in der Nordsee eine neue Goldgrube angezapft hatte, erreichte 1999 den Peak bei rund 2,5 mbd. Seither geht es auch dort abwärts. «Wo liegt der globale Peak Oil? Diese Frage wird die internationale Politik dominieren, bevor das erste Jahrzehnt des neuen Jahrhunderts vorbei ist», notierte die englische Zeitung «The Independent» vor kurzem. Der Druck auf die verbleibenden grossen Erdölproduzenten wie Saudiarabien wächst. Wenn sie den Peak durchlaufen, ist der globale Peak erreicht. Chinas Präsident Hu Jintao hat seinen damaligen russischen Kollegen Wladimir Putin daher gebeten, eine Erdölpipeline von Sibirien nach China zu führen. Hu weiss: Der Stoff ist knapp, die globale Sucht danach gross. Gegenwärtig liegt der Verbrauch weltweit bei 85 Millionen Fass pro Tag, oder 30 Milliarden Fass pro Jahr.
Der amerikanische Präsident George W. Bush erklärte in einer State of the Union Address: «Amerika ist süchtig nach Öl.» Das Land führt weiterhin Kriege in Afghanistan und Irak, angeblich, um den Terror zu bekämpfen. Derweil warnte Bushs Energieminister Samuel Bodman im März 2006 glaubhafter am Fernsehen: «Wir haben da ein echtes Problem. Zum ersten Mal in meinem Leben sehe ich, dass das Angebot nicht mit der Nachfrage mithalten kann.» Der Mann hat Jahrgang 1938 und weiss, wovon er spricht: «Und das treibt die Preise auf 60 und 70 Dollar pro Fass.» Schon zwei Jahre später lagen die Preise deutlich über 100 Dollar pro Fass.
Auch die Schweiz reagiert. Die Nationalräte Reto Wehrli (CVP) und Geri Müller (Grüne) gründeten 2006 die «Parlamentarische Gruppe Peak Oil» und führten in Bern eine Informationsveranstaltung zum Thema durch, an der auch der Autor teilnahm. Das Ziel: Alle Parlamentarier sollen wissen, was der Peak Oil ist, um über mögliche Lösungen des Problems verhandeln zu können.
57 % des Schweizer Energiebedarfs werden mit Erdöl gedeckt: mit 250 000 Fass oder 38 Millionen Litern pro Tag. Von Unabhängigkeit kann keine Rede sein. Die Verletzlichkeit nimmt zu, je näher der Peak kommt, wie die Nationalräte Ruedi Rechsteiner (SP) und Ruedi Aeschbacher (EVP) in Interpellationen schon kurz nach Beginn des sogenannten Krieges gegen den Terrorismus erkannten. Die Schweden haben ihre Konsequenzen gezogen: Mona Sahlin, Ministerin für nachhaltige Entwicklung, will das Land bis 2020 völlig unabhängig vom Erdöl machen. Weltweit wird immer mehr über den Peak diskutiert und gestritten werden – um so mehr, als niemand genau weiss, wo er liegt.